Wie aus der tabellarischen Übersicht zu erkennen ist, klafft eine Lücke zwischen Mai 1945 und Januar 1947.
Was geschah während dieser Zeit?
Offenbar gab es 1945/46 offiziell keine AWO, da auch die SPD erst 1946 wiedergegründet wurde.
Erst als die Parteiorganisation wieder arbeitete, kamen auch deren Arbeitsgemeinschaften wieder ans Tageslicht. Nachforschungen über offizielle Dokumente der Hilfsaktivitäten blieben erfolglos.
Vermutlich wurde nichts protokolliert, weil auch keine Geldmittel vorhanden waren, über die hätte Buch geführt werden müssen.
Damals ging es auch mehr um das "Organisieren" von Materialien und Lebensmitteln. Insbesondere die Bombardierung von Weisenau am 27. Februar 1945 hatte tiefe zerstörerische Spuren hinterlassen. Ohnmacht, Not und Elend schienen unüberwindbar. Trotzdem keimte langsam die ungebrochene Lebenskraft zu neuem Mut und neuer Hoffnung.
Wer allerdings dachte, mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Einmarsch der französischen Besatzung würde es wieder aufwärts gehen, sah sich zunächst getäuscht. Die Notlage wurde zusätzlich durch Flüchtlinge aus dem Osten, heimkehrende Kriegsteilnehmer, durch Mangel an Lebensmitteln, Textilien, Schuhen, Waschmitteln, Kohlen, eben alle Dinge des täglichen Bedarfs, erschwert. In das zerbombte Weisenau kehrten Evakuierte zurück und Flüchtlinge suchten Unterschlupf bei Verwandten.
1945 bis 1947 waren die absoluten "Hungerjahre".
In dieser Notlage fanden sich die ehemaligen AWO-Helferinnen und -Helfer wieder zusammen und begannen mit ihrer selbstlosen Hilfe. Diese bestand darin, den Schwächeren beizustehen und das Bewusstsein der Mitverantwortung für das Ganze aus dem Gründungsgedanken fortzusetzen.
So können sich die Zeitzeugen Hans Heller und seine Ehefrau Margarete, beide Jahrgang 1911, aus Weisenau, noch ziemlich gut an diese zeit erinnern:
"1946/1947 wurde schon mancher Kriegsschaden beseitigt, so dass ein langsamer Beginn der Wiederaufbauarbeiten zu erkennen war. Wir waren damals ca 9 - 12 Helfer. Unsere Hauptaufgabe bestand in Geld- und Lebensmittelsammlungen, die unter anderem zur Ausrichtung der Weihnachtsfeier verwendet wurden. Die Spenden flossen ausschließlich hilfsbedürftigen, ausgebombten, kranken alten Bürgern und armen kinderreichen Familien zu."
Hierzu trug auch besonders die sogenannte "Schweizer Spende" bei. Diese bestand aus Lebensmittellieferungen der Schweiz, die in erster Linie für Kinder, Schulen und Kindergärten bestimmt waren. Aber auch die Weisenauer Bauern und Geschäftsleute, die wieder neu anfingen, spendeten. Sogar Weisenauer Bürger, die nur wenig besaßen hatten mit ihren Mitmenschen Mitleid und spendeten, selbst wenn es nur ein Topf Schmalz war.
Die Schillerschule war das einzige Gebäude, was zwar mit erheblichen Beschädigungen aber noch benutzbar, den Bombenangriff vom 27.02.1945 überstanden hatte. Der Turnsaal dieser Schule war für Weisenauer der einzige Treffpunkt und Versammlungsraum für die verschiedenen Veranstaltungen, denn die anderen großen Säle im Ort waren noch alle zerstört. Hier fand auch die erste Weihnachtsfeier der AWO statt.
Die in den Wochen und Monaten zuvor gesammelten Spenden wurden unter anderem für die Ausrichtung der Weihnachtsfeier aufbewahrt.
In dieser Zeit war die AWO noch nicht organisiert. Vieles oder alles war der Eigeninitiative überlassen. Trotzdem war nicht alles dem Zufall überlassen.
Herr Adam Heller und seine Ehefrau Sofie, sowie Herr Alexander Diehl (später Vorsitzender des AWO-Ortsvereins Weisenau) waren die Organisatoren und wählten gemeinsam mit allen Helferinnen und Helfern die absolut hilfsbedürftigsten Bürger für die Weihnachtsfeier aus. Auch die Päckchen wurden je nach Spendengabe individuell nach den Bedürfnissen der Hilfsbedürftigen gepackt. Nicht nur die Erwachsenen, sondern auch die Kinder kamen schlecht gekleidet, mit dürftigem Schuhwerk, unterernährt und mit allen Spuren der Entbehrung des Krieges und des Verlustes der Geborgenheit zur Weihnachtsfeier. Es war eine ergreifende erste Weihnachtsfeier am Abend des 24.12.1948. Es bestand ein Gefühl der momentanen Zufriedenheit, Dankbarkeit und Geborgenheit. Aber nicht nur die eigenen Spendensammlungen kamen ausgewählten ärmlichen Bürgern zugute. Auch aus Übersee, nämlich den USA, kamen Sach- und Lebensmittelspenden, die sogenannten "Care-Pakete". Besonders Kinder erfreuten sich an diesen Paketen, da sie unter anderem auch Spielsachen beinhalteten.
Die Hilfsbereitschaft und Spendenaktionen der AWO-Helfer beschränkten sich nicht nur allein auf die jährliche Weihnachtsfeier. So wurden auch zwischenzeitlich bedürftigen Menschen Hilfe zuteil, indem Nahrungsmittel, Kleider, Schuhe, Brennmaterial gesammelt und verteilt wurden.
So schildert auch Christine Schaubruch, Jahrgang 1910, die Ereignisse und die Hilfsaktivitäten.
Frau Christine Schaubruch kann sich noch gut an die Aktivitäten der Volksküche erinnern. Die Volksküche war im Keller der Sektkellerei "Burg-Weisenau" in der Mönchstraße 13, untergebracht. In den weitläufigen Kellergewölben der Sektkellerei "hausten" ca. 1.000-1.500 ausgebombte Weisenauer Bürger, die von dieser Küche versorgt wurden.
Die notwendigen Lebensmittel wurden aus Kellern der umliegenden Trümmer und aus Proviantlagern von Kasernen organisiert. Teilweise stammten die Lebensmittel auch aus alten Nazi-Beständen.
Die Bürgerverpflegung war eine Maßnahme der Ortsverwaltung Weisenau unter Leitung von Alexander Diehl.
Kleider waren in der Nachkriegszeit Mangelware. So entstand auch unter der Federführung von Frau Sofie Heller im Physiksaal, im Erdgeschoß der Schillerschule, eine Nähstube. Jeder, der etwas zu ändern hatte oder sich etwas Neues anfertigen wollte, konnte kommen und die Nähmaschinen benutzen. Nähmaterial, wie Garne und Nähnadeln, wurden ebenfalls organisiert.
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges war die Ortsverwaltung Weisenau in der Wormser Straße 85 untergebracht.
Die Ortsverwaltung war auch erstmals ständiger Treffpunkt der AWO-Helferinnen und -Helfer.
Weisenauer Frauen und Männer belebten unter dem Eindruck der Not der Nachkriegszeit den Ortsverein der Arbeiterwohlfahrt neu.
Hier waren zum Teil wieder die Personen, die bei der Erstgründung im Jahre 1928 dabei waren. Es kann davon ausgegangen werden, dass aus der Helfergruppe Diehl, Heller, Kloes, Bocian, die alle der SPD angehörten, die AWO-Arbeitsgemeinschaft im Jahre 1947 wieder hervorging.
Diese "alte" AWO hatte keine eigenen Mitglieder, es waren alles Weisenauer SPD-Mitglieder. Waren alle Hilfsleistungen bis dato inoffiziell, konnten sich die Helfer der AWO mit der Wiederzulassung im Jahre 1947 offiziell formieren und ihr Hilfsangebot ausbauen.
Nähstuben, Stadtranderholungen, mehrwöchige Urlaubsaufenthalte und persönliche Betreuungen waren die ersten Aufgaben des Ortsvereins. Weihnachtsfeiern zählten weiterhin zum Standardprogramm. Nach Fertigstellung des Weisenauer Bürgerhauses verlagerte sich der zentrale Punkt der Begegnung im Jahre 1950 von der Schillerschule in das Kulturheim in der Friedrich-Ebert-Straße.
Als sich die soziale Lage verbesserte, löste sich die Nähstube auf und der Schwerpunkt der AWO-Arbeit konzentrierte sich mehr auf die Kinder- und Jugendarbeit und auf Bevölkerungsgruppen, wie Kranke, Kriegsbeschädigte und Senioren, die aus eigener Kraft (zum Beispiel Arbeit) ihre Situation nicht oder nicht mehr verbessern konnten.
Höhepunkt war 1979 die Inbetriebnahme der Altentagesstätte in der Karl-Trau-Straße.
Die Angebotsvielfalt nahm ständig zu. So erweiterte der Ortsverein Weisenau seine Aufgaben neben der klassischen Seniorenbetreuung auch auf die Jugend- und Kinderarbeit.
